von Anja Herren, KaJa Familienberatung, „die Kackpertin“
Lesezeit: ca. 8 Minuten
Pipi klappt. Seit Wochen. Euer Kind geht selbstständig aufs Töpfchen, meldet sich zuverlässig und es geht kaum noch etwas daneben. Aber das Kacka? Das landet IMMER NOCH in der Windel.
- Vielleicht versteckt sich dein Kind dafür hinter dem Sofa oder zieht sich ins Kinderzimmer zurück.
- Vielleicht hält es so lange ein, bis es am Abend beim Schlafanzug-Anziehen doch noch passiert.
- Oder es verlangt ganz selbstverständlich nach einer Windel, obwohl Pipi längst auf dem WC klappt.
Dieses Verhalten irritiert viele Eltern. Weil es sich anfühlt, als müsste das mit dem Kacka doch eigentlich genauso funktionieren wie das mit dem Pipi. Tut es aber nicht.
Kacka machen ist nicht einfach „Pipi in fest“
Pipi und Kacka sind für ein Kind nicht einfach zwei Varianten desselben Vorgangs. Sie fühlen sich völlig unterschiedlich an. Beim Pipi entspannt sich der Beckenboden, der Urin fliesst ab. Beim Kacka muss etwas Festes durch den Schliessmuskel nach aussen abgegeben werden. Das ist spürbar, manchmal laut, es riecht und es braucht deutlich mehr aktive Körperarbeit.
Und dann kommt noch etwas dazu: Dein Kind kann beim Kacken nicht sehen, was da eigentlich passiert. Es spürt vielleicht Druck im Bauch, ein Ziehen oder eine Anspannung. Viele Kinder nennen dieses Gefühl ganz einfach „Bauchweh“. Dann soll es loslassen, ohne genau zu wissen, was als Nächstes passiert. Für Erwachsene ist Stuhlgang völlig selbstverständlich. Für ein Kind, das seinen Körper gerade erst immer besser kennenlernt, kann sich dieser Vorgang ziemlich unberechenbar anfühlen.
Und genau da kommt die Windel ins Spiel. Die Windel ist vertraut. In ihr hat dein Kind bisher immer Kacka gemacht. Im Stehen, im Hocken, vielleicht versteckt hinter dem Sofa. Es weiss, wie sich das anfühlt. Es weiss, was passiert. Das gibt Sicherheit.
Eine Studie mit 482 Kindern zeigte, dass 22 Prozent mindestens einen Monat lang den Stuhlgang auf der Toilette verweigerten, obwohl Pipi dort bereits funktionierte [1]. In einer weiteren Untersuchung derselben Forschungsgruppe versteckten sich 70 Prozent der beobachteten Kinder beim Stuhlgang. Dieses Verstecken hing eng mit einer späteren Verweigerung des Stuhlgangs auf der Toilette zusammen [2]. Wenn dein Kind also hinter dem Vorhang, im Kinderzimmer oder hinter dem Sofa verschwindet, sobald es Kacka muss, ist das kein ungewöhnliches Verhalten.
Im Fachjargon spricht man unter anderem vom Toilettenverweigerungssyndrom. Gemeint ist damit ein Kind, das die Toilette für Pipi nutzt, für den Stuhlgang aber weiterhin eine Windel verlangt. Dabei spielen häufig Angst, unangenehme oder schmerzhafte Erfahrungen und Verstopfung eine Rolle [4]. Auch die deutsche S2k-Leitlinie zur funktionellen Obstipation und Stuhlinkontinenz im Kindes- und Jugendalter beschreibt dieses Muster ausdrücklich [5].
Was häufig dahintersteckt: Angst vor Schmerzen
Ein Punkt wird beim Thema Toilettenverweigerung erstaunlich oft übersehen: der Stuhl selbst. Denn wenn Kacka wehgetan hat, verändert das sehr schnell das Verhalten eines Kindes.
Ein Kind hat einmal Schmerzen beim Stuhlgang und versucht beim nächsten Mal, das Kacka zurückzuhalten. Dadurch bleibt der Stuhl länger im Darm, ihm wird weiter Wasser entzogen, er wird härter und grösser und der nächste Stuhlgang tut wieder weh. Plötzlich steckt das Kind mitten in einem Kreislauf aus Schmerzen, Zurückhalten und immer unangenehmer werdendem Stuhlgang.
Eine Kohortenstudie zeigte, dass Verstopfung dem Verweigerungsverhalten häufig vorausging und nicht erst durch die Toilettenverweigerung entstand [3]. Deshalb schaue ich bei Kacka-Verweigerung nie nur auf die Frage: „Wie bekommen wir das Kind aufs WC?“ Ich schaue zuerst auf das Kacka.
Wie sieht der Stuhl aus?
Wie häufig kommt er?
Ist er weich?
Kommt er ohne Schmerzen?
Muss das Kind stark pressen?
Gibt es riesige Portionen?
Tennisballgrosse Stuhlballen, sehr seltener Stuhlgang oder immer wieder kleine Bremsspuren in der Unterhose können Hinweise darauf sein, dass Verstopfung eine Rolle spielt. Und solange Stuhlgang wehtut, haben wir ein ganz anderes Problem als „mein Kind will nicht aufs WC“.
Nicht immer steckt nur die Toilette dahinter
Manchmal verändert sich das Ausscheidungsverhalten auch dann, wenn im Leben des Kindes gerade sehr viel passiert. Ein Umzug. Eine neue Betreuung. Der Start im Kindergarten. Eine Trennung. Ein neues Geschwisterkind. Krankheit. Urlaub. Viele Veränderungen auf einmal.
Das heisst nicht, dass jedes Kind bei Veränderungen plötzlich Kacka zurückhält. Aber Ausscheiden ist einer der wenigen Bereiche, über die kleine Kinder sehr viel Kontrolle haben. Niemand kann ein Kind dazu zwingen, jetzt genau in diesem Moment Kacka zu machen. Wenn im Aussen gerade vieles unvorhersehbar ist, kann das Festhalten an der Windel deshalb Sicherheit geben. Und manchmal ist die Windel dann gar nicht das eigentliche Problem. Sie ist die Lösung, die das Kind gerade gefunden hat.
Was ihr jetzt konkret machen könnt
Weder Druck noch starres Abwarten helfen Familien an dieser Stelle besonders gut. Es geht nicht darum, die Windel einfach wegzunehmen und zu hoffen, dass das Kind dann schon irgendwie aufs WC macht. Aber genauso wenig müsst ihr monatelang danebenstehen und darauf warten, dass sich das Thema von alleine erledigt. Es gibt einige Dinge, die ihr sofort verändern könnt.
Die Windel für Kacka erstmal lassen
Wenn dein Kind für den Stuhlgang noch eine Windel braucht, dann gebt sie ihm. Die Windel ist in diesem Moment keine schlechte Angewohnheit, die ihr abtrainieren müsst. Sie ist Sicherheit. Wenn ihr sie plötzlich wegnehmt, obwohl das Kind noch keine andere sichere Möglichkeit für den Stuhlgang gefunden hat, kann das dazu führen, dass es lieber zurückhält. Und genau das wollen wir vermeiden.
Das Ziel ist also nicht: „Wie bekommen wir die Windel möglichst schnell weg?“ Die wichtigere Frage ist: „Wie können wir den nächsten Schritt so gestalten, dass mein Kind ihn mitgehen kann?“
Weniger fragen
Viele Eltern fragen irgendwann zehnmal am Tag: „Musst du Kacka?“, „Willst du nicht mal aufs WC?“, „Bist du sicher, dass du nicht musst?“ oder „Komm, wir probieren es wenigstens.“ Das ist absolut nachvollziehbar. Man will helfen, man will nichts verpassen und man hofft jedes Mal, dass das Kind vielleicht diesmal Ja sagt.
Beim Kind kommt aber schnell etwas anderes an: Meine Eltern beobachten mein Kacka ziemlich genau. Da scheint etwas von mir erwartet zu werden. Und plötzlich bekommt ein eigentlich ganz normaler Körpervorgang ziemlich viel Aufmerksamkeit.
Deshalb: Sprache runterfahren. Wenn du merkst, dass dein Kind sich zurückzieht, kannst du zum Beispiel sagen: „Ich sehe, du möchtest gerade deine Ruhe. Möchtest du eine Windel?“ Und dann lässt du es dabei. Keine Diskussion. Kein „Willst du nicht doch aufs WC?“ Kein „Du bist doch schon gross.“ Die Information ist angekommen. Mehr braucht es in diesem Moment nicht.
Erklärt das Ganze nicht erst, wenn das Kacka schon drückt
Wenn dein Kind gerade dringend Kacka muss, ist nicht der beste Zeitpunkt für eine fünfminütige Erklärung über den Darm. Körperverständnis lässt sich viel besser ausserhalb dieser Situationen aufbauen. Und dafür braucht es keinen Biologieunterricht.
Ihr könnt zum Beispiel Knete nehmen und daraus gemeinsam eine Kackawurst formen. Dann formst du mit deiner Hand eine Faust und lässt unten beim kleinen Finger eine kleine Öffnung. Die Knete wird langsam durch die Faust gedrückt und kommt unten wieder heraus. So kann dein Kind sehen und anfassen, was sonst im Bauch unsichtbar passiert.
Kinder verstehen über Bilder, Spielen und Ausprobieren oft viel mehr als über lange Erklärungen. Auch Bilderbücher über Verdauung können dabei helfen. Das Ziel ist nicht, dein Kind zu überzeugen, ab morgen aufs WC zu kacken. Es geht erstmal darum, dass das, was im Körper passiert, verständlicher wird. Und wenn etwas verständlicher wird, fühlt es sich oft auch weniger unheimlich an.
Schaut euch den Stuhl wirklich an
Ich weiss, es gibt schönere Hobbys. Aber wenn dein Kind Kacka verweigert oder zurückhält, lohnt es sich für ein bis zwei Wochen ziemlich genau hinzuschauen. Wie oft kommt Stuhl? Wie sieht er aus? Ist er weich oder hart? Ist die Menge auffällig gross? Hat dein Kind Schmerzen? Muss es stark pressen? Hält es vorher lange zurück?
Die Brussels Infant and Toddler Stool Scale (BITSS) kann dabei helfen, die Stuhlkonsistenz besser einzuordnen. Achtung: Der Link führt auf eine Seite mit Bildern von Stuhlgang in Windeln.
Wann ihr das kinderärztlich abklären lassen solltet
Bitte lasst die Situation ärztlich anschauen, wenn euer Kind sehr harten oder auffallend grossen Stuhl hat, Schmerzen beim Stuhlgang zeigt, Blut am Stuhl auftaucht, sichtbar und regelmässig zurückhält oder immer wieder kleine Mengen Stuhl in der Unterhose landen [4][5].
Denn wenn Stuhlgang wehtut, können wir noch so bindungsorientiert begleiten, erklären und Sicherheit geben. Der Körper des Kindes hat trotzdem gelernt: Kacka machen tut weh. Und dann ist Zurückhalten aus Sicht des Kindes erstmal ziemlich logisch.
Bei einer Verstopfung muss deshalb zuerst dafür gesorgt werden, dass der Stuhl zuverlässig weich und schmerzfrei abgegeben werden kann. Erst wenn der Körper wieder andere Erfahrungen macht, kann sich auch das Verhalten nachhaltig verändern.
Das Wichtigste zum Schluss
Wenn Pipi längst auf dem WC klappt und dein Kind für Kacka trotzdem noch die Windel verlangt, bedeutet das nicht, dass beim Trockenwerden etwas schiefgelaufen ist. Kacka ist ein eigener Lernprozess, mit anderen Körperempfindungen und manchmal auch mit Angst, schlechten Erfahrungen oder Schmerzen im Gepäck.
Verstecken, Zurückhalten oder das Bestehen auf der Windel sind keine Charaktereigenschaften und auch kein Zeichen dafür, dass ihr als Eltern etwas falsch gemacht habt. Aber sie sind Hinweise darauf, dass euer Kind an irgendeiner Stelle noch mehr Sicherheit braucht. Und genau dort lohnt es sich hinzuschauen: mit weniger Erwartung, mehr Verständnis dafür, was im Körper passiert, einer Windel als sichere Zwischenlösung und einer frühen medizinischen Abklärung, wenn Schmerzen oder Verstopfung im Spiel sein könnten.
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur
- Taubman, B. (1997): Toilet Training and Toileting Refusal for Stool Only: A Prospective Study. Pediatrics, 99(1), 54–58. https://doi.org/10.1542/peds.99.1.54 ↩
- Taubman, B., Blum, N. J. & Nemeth, N. (2003): Children Who Hide While Defecating Before They Have Completed Toilet Training: A Prospective Study. Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine, 157(12), 1190–1192. https://doi.org/10.1001/archpedi.157.12.1190 ↩
- Blum, N. J., Taubman, B. & Nemeth, N. (2004): During Toilet Training, Constipation Occurs Before Stool Toileting Refusal. Pediatrics, 113(6), e520–e522. https://doi.org/10.1542/peds.113.6.e520 ↩
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (2019): Verstopfung bei Kindern. Elterninformation. Zuletzt abgerufen am 7. August 2026. Zur Elterninformation der DGKJ ↩
- Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung et al. (2022): S2k-Leitlinie Funktionelle nicht-organische Obstipation und Stuhlinkontinenz im Kindes- und Jugendalter. AWMF-Registernummer 068-019. Zur Leitlinie bei der AWMF ↩
Über die Autorin
Anja Herren ist Fachberaterin für kindliches Ausscheidungsverhalten, Gründerin von KaJa Familienberatung und besser bekannt als die „Kackpertin“. Sie begleitet Familien rund ums Trockenwerden, bei Toilettenverweigerung und Verstopfung und hat inzwischen über 250 Familien auf diesem Weg begleitet.
Dabei schaut sie nicht nur darauf, was ein Kind macht, sondern vor allem darauf, warum. Denn hinter Kacka in der Windel, Zurückhalten oder der Verweigerung der Toilette steckt selten einfach nur „keine Lust“. Oft geht es um Sicherheit, Kontrolle, unangenehme Körpererfahrungen oder darum, dass ein Kind für den nächsten Schritt noch Unterstützung braucht.
Druck, Belohnungstabellen und klassisches Töpfchentraining gibt es bei ihr deshalb nicht. Stattdessen geht es darum, das Verhalten des Kindes zu verstehen und Eltern konkrete Wege zu zeigen, wie sie ihr Kind sicher durch diesen Prozess begleiten können.
Mehr über Anja und ihre Arbeit: www.kaja-familienberatung.ch
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