Autismus und Trockenwerden: „Hinter einem Ich will nicht steckt immer ein Grund“

Ein Kleinkind steht mit Kuscheltier vor einer Badezimmertür, während ein Elternteil ruhig daneben sitzt. Im Hintergrund sind Toilette, Kindersitz und Tritthocker zu sehen.

Viele Eltern erleben den Windelabschied als eine Phase, in der plötzlich Druck entsteht. Andere Kinder sind schon trocken. Die Kita fragt nach. Die Einschulung rückt näher. Und irgendwann steht dieser Satz im Raum: „Er kann das doch. Er will nur nicht.“

Wenn ein Kind autistisch ist oder Eltern eine Autismus-Diagnose vermuten, greift dieser Blick oft zu kurz. Dann geht es beim Trockenwerden nicht nur um den richtigen Zeitpunkt. Es geht auch um Körperwahrnehmung, sensorisches Erleben, Übergänge, Routinen, Sicherheit und die Frage, wie ein Kind Anforderungen verarbeitet.

Wir haben mit Sarah Weber von AutisPlus darüber gesprochen, warum der Weg von der Windel zur Toilette bei autistischen Kindern anders verlaufen kann, welchen Missverständnissen Eltern häufig begegnen und was im Alltag entlasten kann.

Über Sarah Weber

Sarah Weber ist Gründerin von AutisPlus, einem Kompetenzzentrum für Beratung, Begleitung und Schulung rund um Autismus. Sie ist studierte Sonderpädagogin und Fachkraft für Unterstützte Kommunikation. Mit AutisPlus berät und schult sie Eltern, Fachkräfte, Einrichtungen und Teams.
Portrait von Sarah Weber, Geschäftsführerin von AutisPlus

Mit welchen Fragen oder Sorgen kommen Eltern zu dir, wenn es um Windelabschied, Toilette oder Trockenwerden geht?

Das ist auf jeden Fall ein häufiges Thema in meiner Beratung. Viele Eltern kommen mit der Sorge, dass ihr Kind die Windel nicht loslassen kann oder möchte. Das begegnet mir nicht nur bei kleinen Kindern, sondern auch bei Kindern im Grundschulalter oder noch später.

In aller Regel geht es darum, dass die Windel für das Kind Sicherheit bedeutet. Sie gibt Vorhersehbarkeit und Kontrolle. Das ist für viele autistische Kinder sehr wichtig. Wenn ich weiß: Da ist eine Windel, dann kann nichts schiefgehen. Dann muss ich mir darum nicht noch zusätzlich Gedanken machen.

Der Alltag autistischer Menschen ist ohnehin oft sehr anstrengend und herausfordernd. Eine Windel kann dann eine gedankliche Belastung weniger sein.

Gleichzeitig ist der Windelabschied ein großer Übergang. Wenn ein Kind von der Windel weggeht, verändert sich das sensorische Erleben. Das Körpergefühl ist anders. Auch die Routine verändert sich komplett. Mit Windel ist der Ablauf ein anderer als beim Toilettengang. Das Kind muss also nicht nur etwas „weglassen“, sondern einen ganz neuen Ablauf lernen.

Besonders schwierig wird es oft, wenn die Einschulung näher rückt. In der Schule gibt es in der Regel nicht dieselben Möglichkeiten wie zuhause oder in der Kita. Dann entsteht schnell Druck von außen. Eltern bekommen Druck oder machen sich selbst Druck, und irgendwann steht das Thema sehr stark im Vordergrund. Genau dieser Druck macht es dann oft noch unwahrscheinlicher, dass das Kind die Windel ablegt.

Welche Rolle spielt Körperwahrnehmung beim Trockenwerden?

Körperwahrnehmung spielt eine sehr große Rolle.

Viele autistische Kinder nehmen innere Körperprozesse weniger deutlich oder später wahr. Dazu gehört nicht nur Harndrang, sondern auch Hunger, Durst und andere Signale aus dem Körper. Man spricht hier von Interozeption.

Ein typisches Problem ist, dass Kinder lange nicht merken, dass sie auf Toilette müssen. Irgendwann merken sie dann: Jetzt muss ich aber ganz dringend. Dann ist der Reiz aber schon so stark, dass kaum noch Zeit bleibt, rechtzeitig zur Toilette zu gehen oder es einzuhalten.

Für Erwachsene sieht das schnell so aus, als hätte das Kind nicht aufgepasst. Tatsächlich kann es sein, dass das Körperzeichen erst sehr spät bewusst verarbeitet wurde.

Dazu kommt: Windeln fühlen sich anders an als Unterhosen. Sie sind dicker, weicher, wärmer oder geben ein anderes Sicherheitsgefühl. Der Wechsel von einer vertrauten Windel zu einer dünnen Stoffschicht kann sensorisch herausfordernd sein.

Viele autistische Kinder haben außerdem Verdauungsthemen, zum Beispiel Verstopfung, Durchfall oder Magen-Darm-Schwierigkeiten. Auch das kann Körperwahrnehmung und Toilettengänge zusätzlich beeinflussen.

Wenn das Körpergefühl irgendwann stärker entwickelt ist, geht es aus meiner Sicht oft weniger um das Spüren selbst und mehr um Übergang, Loslassen und Veränderung.

Manche Eltern erinnern ihr Kind sehr häufig: „Musst du mal aufs Klo?“ Wäre das hilfreich, wenn das Kind Harndrang spät wahrnimmt?

Alle fünf Minuten würde ich ein Kind nicht fragen. Dann wird das Thema sehr stark in den Vordergrund gerückt, und das kann Druck erzeugen.

Gerade autistische Kinder sind oft sehr sensibel für Druck und Erwartungen. Wenn sie spüren, dass eine starke Erwartung im Raum steht, kann sie das hemmen. Das ist nicht unbedingt ein bewusster, absichtsvoller Widerstand. Es ist eher so, dass innerlich etwas blockiert.

Wenn ein Kind tatsächlich kaum Körpergefühl für Harndrang oder Stuhldrang hat, können feste Zeiten sinnvoll sein. Dann geht es aber nicht darum, ständig zu fragen. Eher darum, vorhersehbare Toilettenzeiten zu finden und zu schauen: Kommt vielleicht etwas oder nicht?

Bei den Kindern, um die es in der Beratung häufig geht, ist es meistens nicht so, dass sie grundsätzlich nie etwas merken. Oft geht es eher darum, dass sie die gewohnte Routine nicht verändern möchten. Die Windel ist bekannt. Die Toilette ist neu. Und dieser Wechsel ist die eigentliche Hürde.

Spielt Ablenkung auch eine Rolle? Zum Beispiel, wenn ein Kind gerade mitten im Spiel ist?

Das kann eine Rolle spielen. Wenn ein Kind gerade mit etwas anderem beschäftigt ist, kann das natürlich mit hineinspielen.

Ich würde aber unterscheiden: Bei ADHS geht es oft stärker darum, dass die Aufmerksamkeit gerade nicht auf dem Körper liegt. Dann passiert dieses „Oh, jetzt muss ich plötzlich doch“.

Bei Autismus geht es häufig noch grundlegender um Körperwahrnehmung. Das Kind spürt Körperprozesse autismusbedingt nicht unbedingt so gut oder nicht so früh. Das ist nicht einfach nur fehlende Aufmerksamkeit.

Natürlich ist das bei jedem Kind unterschiedlich. Bei manchen ist es sehr deutlich ausgeprägt, bei anderen weniger. Aber es ist wichtig, nicht alles nur mit „Das Kind ist abgelenkt“ zu erklären.

Ein Kleinkind spielt vertieft mit Bauklötzen und einer Eisenbahn und hält eine Hand leicht an den Bauch, während ein Elternteil ruhig in der Nähe sitzt.

Welche Reize rund um Toilette und Badezimmer werden von Erwachsenen oft unterschätzt?

Eine kalte Klobrille kann tatsächlich ein Thema sein. Auch Kälte im Badezimmer allgemein. Manche autistische Kinder sind sehr empfindlich gegenüber Kälte. Dann kann es helfen, die Umgebung angenehmer zu machen, zum Beispiel mit einem wärmeren Raum oder einem angenehmeren Toilettensitz.

Auch Geräusche können eine Rolle spielen. Badezimmer sind oft gefliest und weniger möbliert als Wohnräume. Dadurch ist der Hall anders, und die Geräuschkulisse verändert sich.

Ein weiteres Thema kann sein: Auf der Toilette fehlt das Gefühl, etwas direkt unter sich zu haben. In der Windel gibt es eine vertraute Unterlage. Auf der Toilette ist darunter plötzlich nichts. Manche Kinder haben dann Sorge vor dem Geräusch, wenn Urin oder Stuhl in die Toilette fallen. Oder sie haben Angst, dass Wasser an den Po spritzt.

Ganz häufig ist es aber gar nicht nur ein sensorisches Thema. Manchmal ist Toilettegehen für das Kind auch einfach langweilig oder der Ablauf ist komplett anders als bisher. Vorher wurde es vielleicht gewickelt. Jetzt soll es sich auf die Toilette setzen und in einen anderen Ablauf wechseln. Wenn man diesen Schritt nicht kleinschrittig begleitet, sondern direkt von A nach B fordert, kann das überfordernd sein.

Auch Gerüche können schwierig sein. Vielleicht riecht die Toilette unangenehm. Vielleicht stört ein Duftstein oder ein Reinigungsmittel. Gerade in fremden Bädern kann so etwas auffallen.

Das sind nicht bei allen Kindern die Hauptthemen. Aber sie können eine Rolle spielen.

Viele Eltern vergleichen sich schon rund um den zweiten oder dritten Geburtstag mit anderen Familien. Was kann helfen, wenn sie merken: Bei uns funktioniert es nicht?

Wenn Eltern einen Autismusverdacht haben, kann es helfen, sich bewusst zu machen: Autistische Kinder haben in bestimmten Bereichen andere Entwicklungsbedingungen.

Dazu gehören die sozial-emotionale Entwicklung, die Fähigkeit, Veränderungen zu akzeptieren, Flexibilität und Körperwahrnehmung. Das Lösen von der Windel kann schwieriger sein, weil die Windel Sicherheit gibt.

Das heißt nicht, dass Eltern etwas falsch gemacht haben. Und es heißt auch nicht, dass das Kind absichtlich blockiert. Es hat andere Ausgangsbedingungen und braucht möglicherweise mehr Zeit.

Mein Rat wäre, möglichst keinen Druck zu machen und entspannt zu bleiben. Je stärker das Thema forciert wird, desto schwieriger wird es oft.

Gleichzeitig kann man den Toilettengang immer wieder spielerisch und wertfrei aufgreifen. Zum Beispiel über Bücher, Spiele, Rollenspiele oder indem das Kind mit ins Badezimmer kommen und zuschauen darf. Man kann zeigen: Das ist ein normaler Prozess, und irgendwann wird es diesen Übergang geben.

Wichtig ist, gut zu beobachten: Hat das Kind Angst? Hat es schon eine starke Abneigung entwickelt? Oder macht es sich zu dem Thema noch gar keine Gedanken? Ich würde möglichst wertfrei und druckfrei hinschauen.

Wie können Eltern Übergänge oder das Thema Toilette begleiten, ohne Druck aufzubauen?

Ich würde sehr stark über Interessen gehen. Autistische Kinder haben oft Spezialinteressen oder sehr intensive Interessen. Man kann schauen: Was findet das Kind gerade spannend, und wie lässt sich das vielleicht mit dem Toilettengang verbinden?

Manchen Kindern helfen Social Stories. Also kleine Geschichten, die sachlich erklären: Was ist ein Toilettengang? Warum gehen Menschen auf die Toilette? Warum hören Kinder irgendwann auf, in die Windel zu machen?

Für manche autistische Kinder ist ein rationaler, sachlicher Zugang hilfreicher als ein emotionaler. Sätze wie „Dann ist Mama aber stolz auf dich“ bringen häufig wenig oder erzeugen eher Druck. Für das Kind ist das nicht unbedingt eine sinnvolle Handlungsmotivation.

Hilfreich können auch Pläne oder Ablaufpläne sein. Ein Toilettengang ist mehrschrittig: Hose runter, Unterhose runter, hinsetzen, warten, abwischen, anziehen, spülen, Hände waschen. Das kann komplex sein. Gerade wenn exekutive Funktionen wie Handlungsplanung und Handlungsorganisation herausfordernd sind, kann ein visueller Ablaufplan entlasten.

Ich persönlich halte im Kontext Windelfreiheit nicht viel von klassischen Belohnungssystemen. Kinder entwickeln diese Motivation grundsätzlich aus sich heraus, wenn die Bedingungen passen und sie Zeit bekommen.

Bei autistischen Kindern ist aber wichtig: Wenn das Kind keine eigene Logik darin sieht, die Windel abzugeben, wird es diesen Schritt nicht einfach machen. Aus Sicht des Kindes kann die Windel sehr sinnvoll sein. Sie ist bequem, vertraut und sicher. Warum sollte das Kind also davon weg?

Man kann Motivation anders denken. Nicht unbedingt über Belohnung, sondern darüber, den Ablauf leichter zu machen. Weniger kognitive Belastung. Mehr Vorhersehbarkeit. Mehr Anschluss an Interessen.

Wenn ein Kind zum Beispiel ein starkes Interesse an bestimmten Figuren oder Themen hat, kann man den Toilettengang spielerisch damit verbinden. Nicht mit Druck, sondern als etwas, das zum Kind passt. Manchmal muss man einfach ausprobieren, was funktioniert.

Viele Eltern haben Angst, etwas falsch zu machen, und machen deshalb gar nichts. Das ist verständlich. Aber ich wünsche Eltern mehr Selbstbewusstsein, Dinge zu testen und gemeinsam mit dem Kind zu forschen: Was hilft? Was macht es leichter? Was funktioniert bei uns?

Du hast vorhin beschrieben, dass autistische Kinder andere Ausgangsbedingungen haben. Was bedeutet das konkret im Alltag?

Ich sage oft: Was autistischen Kindern guttut, tut allen Kindern gut.

Der Unterschied ist: Autistische Kinder brauchen diese Dinge. Neurotypische Kinder profitieren davon.

Klare Abläufe, weniger Druck, gute Vorbereitung, visuelle Unterstützung, eine passende Umgebung und Interesse am Kind schaden keinem Kind. Für autistische Kinder sind sie aber oft nicht nur nett, sondern notwendig.

Was wünschst du dir von Kitas im Umgang mit autistischen Kindern beim Trockenwerden?

Die Grundlage ist, dass Kinder nicht beschämt oder verglichen werden.

Also keine Sätze wie: „Schau mal, Emil trägt schon keine Windel mehr, und du hast immer noch eine.“ Das motiviert Kinder nicht. Es macht eher Angst und führt dazu, dass Kinder sich negativ vergleichen oder gehemmt fühlen.

Wichtig wäre, jedes Kind auf seinem Entwicklungsstand anzunehmen. Ohne Vergleiche vor anderen Kindern. Ohne Beschämung. Ohne Leistungsdruck.

Für autistische Kinder sind klare Routinen und Rituale wichtig. Zum Beispiel feste Zeiten, zu denen gemeinsam zur Toilette gegangen wird. Aber das Kind sollte nicht gezwungen werden, sich hinzusetzen. Man kann gemeinsam hingehen, den Ablauf vorhersehbar machen und das Kind idealerweise eins zu eins begleiten.

Gerade weil es ein sensibles Thema ist, braucht das Kind Co-Regulation. Wenn es sich einnässt, sollte das sachlich begleitet werden. Ohne Scham, ohne Bloßstellen, ohne Drama.

Eltern können von Kitas durchaus einfordern, Routinen und Rituale zu entwickeln, die immer ähnlich ablaufen. Manchmal hilft auch Ablenkung oder etwas Vertrautes: Musik, ein Spielzeug oder ein Gegenstand, der dem Kind Sicherheit gibt.

Ein Kleinkind sitzt vollständig bekleidet auf einer Toilette mit Kindersitz und Tritthocker, während ein Elternteil daneben ein kleines Bilderbuch hält.

Viele Eltern hören: „Dann ist dein Kind eben noch nicht so weit. Wartet einfach ab.“ Wann entlastet das und wann sollten Eltern sich Unterstützung holen?

Ich glaube, es entlastet so lange, wie es sich für die Eltern wirklich entlastend anfühlt.

Wenn Eltern aber immer wieder merken: Irgendetwas stimmt hier nicht. Irgendetwas ist anders. Und sie bekommen immer nur gesagt: „Warte einfach ab, das wird schon“, dann fühlen sie sich irgendwann nicht ernst genommen.

Spätestens wenn Eltern sich ernsthaft Sorgen machen und das Gefühl haben, dass die Entwicklung anders verläuft, sollten sie sich Unterstützung holen. Egal, ob das Kind drei, fünf oder sieben Jahre alt ist.

Es geht nicht nur darum, ab wann eine bestimmte Diagnose gestellt werden kann. Es geht darum, dass dem Kind und der Familie geholfen wird.

Kinder können den Prozess der Windelfreiheit leichter angstfrei lernen, wenn die Erwachsenen um sie herum nicht permanent mit Angst und Druck auf das Thema schauen.

Viele Eltern hören auch: „Vor fünf macht die Kinderarztpraxis eh nichts.“ Was ist deine Einschätzung dazu?

Was man auch vorher schon machen kann, ist Ergotherapie. Zum Beispiel Ergotherapie mit Schwerpunkt sensorische Integration.

Dann kann man mit der Ergotherapeutin oder dem Ergotherapeuten besprechen, dass vor allem Windelfreiheit, Körpergefühl oder sensorische Themen eine Rolle spielen. Es kann darum gehen, das Körpergefühl zu stärken und genauer hinzuschauen, was das Kind braucht.

Was ist mit Kindern, die nachts noch lange nicht trocken sind?

Gerade bei autistischen Kindern kann es sein, dass sie nachts besonders spät trocken werden.

Schlaf ist bei vielen autistischen Kindern ohnehin ein Thema. Einschlaf- und Durchschlafschwierigkeiten kommen häufiger vor. Gleichzeitig ist das Körpergefühl nachts noch weniger bewusst steuerbar als tagsüber.

Auch hier würde ich nicht in Angst, Panik oder Druck verfallen. Wenn eine Klassenfahrt ansteht, würde ich nicht sagen: „In zwei Monaten musst du trocken sein.“ Das setzt das Kind nur zusätzlich unter Druck.

Ich würde eher eine Lösung suchen, mit der das Kind sicher und ohne Scham teilnehmen kann. Zum Beispiel mit einem Windelhöschen unter einer weiten Schlafhose, sodass es niemand mitbekommt. Die Klassenfahrt ist ein wichtiges soziales Ereignis. Es wäre schade, wenn das Kind nicht mitfährt, weil es Angst hat, das Bett nass zu machen und ausgelacht zu werden.

Ein Satz, der im Zusammenhang mit dem Windelabschied oft fällt, ist: „Er oder sie kann das doch und will nur nicht.“ Wie stehst du dazu?

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass es so etwas wie „einfach nur nicht wollen“ nicht gibt.

Hinter einem „Ich will nicht“ steckt immer ein Grund.

Das heißt nicht, dass man jedem Grund immer nachgeben muss. Manchmal ist es auch gut, über den eigenen Schatten zu springen oder einen kleinen Schubser zu bekommen. Aber grundsätzlich lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Vielleicht scheint dem Kind die Hürde zu hoch. Vielleicht ist sie zu niedrig und es ist zu langweilig. Vielleicht ist es sensorisch zu anfordernd. Vielleicht sieht das Kind keine Logik darin.

Wenn Erwachsene nur sagen: „Das Kind hat halt keinen Bock“, wird nicht mehr analysiert. Dann bleibt man an der Oberfläche. Hilfreicher ist die Frage: Warum wirkt dieser Schritt für das Kind gerade nicht machbar oder nicht sinnvoll?

Gibt es noch etwas, das dir wichtig ist und das wir bisher übersehen haben?

Ich möchte noch einmal betonen, wie wichtig der große Übergang von der Windel zur Toilette ist.

Viele Kinder möchten vielleicht sogar von der Windel weg, haben aber das Gefühl, sie schaffen es nicht. Sie haben Angst, dass sie sich einnässen, dass es peinlich wird, dass es stinkt oder dass etwas schiefgeht.

Deshalb ist es wichtig, diesen Übergang kleinschrittig zu begleiten. Nicht erwarten, dass das Kind einen großen Schritt macht. Besser sind viele kleine Schritte.

Ein Kind kann sich zum Beispiel erst einmal mit Windel auf die Toilette setzen. Dann verändert sich schon die Position, aber die Sicherheit bleibt noch da.

Wenn ein Kind Angst davor hat, dass Stuhl in die Toilette fällt, Geräusche macht oder Wasser an den Po spritzt, kann man auch dafür Übergangslösungen finden. Wenn das Abwischen sensorisch schwierig ist, können Abwischhilfen oder eine Po-Dusche helfen.

Es geht darum, dem Kind entgegenzukommen und den Übergang leichter bewältigbar zu machen.

Viele Eltern fragen sich: Töpfchen oder Toilette? Manche wollen gar nicht erst mit dem Töpfchen anfangen, weil das Kind ja irgendwann auf die Toilette soll. Wie siehst du das?

Ich glaube nicht, dass das Töpfchen automatisch ein Problem ist.

Der Schritt vom Töpfchen zur Toilette ist aus meiner Sicht viel kleiner als der Schritt von der Windel direkt zur Toilette. Der Vorgang ist ähnlich. Es ist nur ein anderer Untergrund.

Wenn es einem Kind aus Angst oder aus anderen Gründen leichter fällt, zuerst aufs Töpfchen zu gehen, würde ich diese Lösung wählen. Lieber ein Töpfchen, das Erfolgserlebnisse ermöglicht, als jahrelang gar keinen positiven Zugang.

Weiterführende Materialien aus dem Gespräch

Sarah Weber hat im Interview einige Materialien genannt, die Familien beim Thema Autismus und Toilettengang unterstützen können. Sie ersetzen keine individuelle Beratung, können aber helfen, Abläufe sichtbarer zu machen, sensorische Aspekte besser einzuordnen oder den nächsten kleinen Schritt konkreter zu planen.

autismus schweiz: Strategien für das Toilettentraining

Sarah erwähnt im Gespräch ein Dokument von autismus schweiz zum Thema Toilettentraining. autismus schweiz führt auf der eigenen Website den Bereich „Gesundheit, Arzt, Toilettentraining“ und verlinkt dort Materialien rund um Toilettentraining und Gesundheit.

Zu den Materialien von autismus schweiz

METACOM Symbole für visuelle Ablaufpläne

Für manche Kinder wird der Toilettengang leichter, wenn der Ablauf nicht nur erklärt, sondern sichtbar gemacht wird: Hose runterziehen, hinsetzen, warten, abwischen, anziehen, spülen, Hände waschen. METACOM ist ein Symbolsystem für Unterstützte Kommunikation. Auf der Website werden neben der Symbolsammlung auch praktische Materialien zum Download bereitgestellt

Zu METACOM

Brenda Batts: „Aufs Klo, fertig, los!“

Sarah nennt außerdem das Buch „Aufs Klo, fertig, los!“ von Brenda Batts. Es richtet sich an Familien und Fachpersonen, die Kinder mit Autismus oder anderen Entwicklungsstörungen beim Toilettentraining begleiten. Sarahs Einordnung im Gespräch: nicht perfekt, aber mit hilfreichen Hinweisen. Die aktuelle Ausgabe ist beim DGVT-Verlag erschienen.

Zum Buch beim DGVT-Verlag

Hinweis

Dieses Interview ersetzt keine medizinische Abklärung. Wenn euer Kind Schmerzen hat, sehr häufig einnässt, Stuhl stark zurückhält, unter Verstopfung leidet oder ihr euch ernsthaft Sorgen macht, sprecht bitte mit eurer Kinderarztpraxis oder einer passenden Fachstelle.

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